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FOCUS 52/97 Oldenburg Mir kommen die Tränen" Ein Kind überlebt die Unterbrechung der Schwangerschaft. Nun wollen die Eltern klagen. Furchtbare Dramen sind einfache Geschichten: In der Oldenburger Frauenklinik sollte ein neugeborener Junge unbedingt sterben - doch das Kind wollte leben, unbedingt. Anfang Juli kam eine 35 jährige Frau aus einem Dorf in Niedersachsen in die gynäkologische Abteilung der Städtischen Klinik. Sie sei, so der Arzt, in einem "psychisch desolaten Zustand" gewesen. Sie war in der 25. Woche schwanger. Bei dem Embryo hatte ein Arzt einen Gendefekt diagnostiziert: Trisomie 21, die Ursache einer geistigen Behinderung - des Down-Syndroms. Die Frau bat um eine Abtreibung. Die Ärzte wollten helfen". Sie entschlossen sich zu einer Operation, die ohnehin im Graubereich ärztlicher Ethik stattfindet und in diesem Fall Eltern, Ärzte und Kind in eine Katastrophe führte. Die Geburt wurde eingeleitet. Das Kind aber, ein Frühchen mit 690 Gramm Gewicht und einer Größe von 32 Zentimetern, war nicht tot. Es wurde in eine Decke gewickelt und beobachtet". Dieser winzigen Portion Mensch, so die Erwartung, würde das Leben schon bald entweichen. Doch Atmung und Puls hörten nicht auf. Stunde um Stunde kämpfte sich der Kleine ins Leben. Schließlich hatten die Ärzte genug. Sie berieten sich mit den Eltern. Man kam überein, das Kind von nun an zu betreuen. Die Behandlung, so erklärte die Rechtsanwältin der Eltern gegenüber FOCUS, habe etwa 10 Stunden nach der Geburt" begonnen. Entgegen vorheriger Ankündigung", so die Anwältin, habe der Säugling die zum Zwecke" der Schwangerschaftsunterbrechung vorzeitig eingeleitete Entbindung überlebt". Für das Kind und für die Eltern verlangt die Anwältin nun Schadenersatz und Schmerzensgeld von der Klinik. Man habe, so heißt es bei den Ärzten, in einer extremen Grenzsituation" gehandelt. Wir konnten das Kind nicht umbringen". Die Anwältin:" Mir kommen die Tränen." Sie will in Kürze die Verhandlungen aufnehmen. Wenn man sich nicht einige, treffe man "sich ganz schnell vor Gericht." Ihr Vorwurf: Ihre Mandantin sei über das Risiko" der Abtreibung -das mögliche Überleben des Kindes - nicht aufgeklärt worden. Der inzwischen mehrfach operierte und durch die Geburt schwer geschädigte Junge liegt auf einer Pflegestation des Oldenburger Krankenhauses. Das Ganze sei, so heißt es dort, eine "schreckliche Geschichte." |